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Happy Underdog

Als ich vor zwei Wochen hier zum ersten Mal vom Boxen erzählt habe [Schmeer boxt], habe ich einen wichtigen Aspekt verschwiegen gehabt. Genau genommen stand ich nämlich nicht im Frühjahr 2018 zum ersten Mal im Ring, sondern bereits sieben Jahre zuvor, allerdings nur einmalig und auch nur für drei (im wahrsten Sinne des Wortes) durchschlagende Minuten.

Was war passiert? Ich war zur Abwechslung mal wieder in der Rolle eines Teilnehmers in einem Seminar - ausnahmsweise nur für Männer. Da packte am Tag drei der Kursleiter plötzlich eine Kiste aus, mit Boxhandschuhen sowie Kopf- und Mundschutz. Zwei Gedanken schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. Der eine, pardon!, „Ach Du Scheiße!“. Der andere „Super! Jetzt oder nie!“. Ambivalenz nennt man das, die Gleichzeitigkeit sich widersprechender Gedanken und Gefühle.

Dann ging es in den improvisierten Ring mit Schiedsrichter, Mann gegen Mann. Zeit: Zweimal zwei Minuten.

Ich schäme mich nicht festzustellen, dass ich definitiv von allen knapp 20 anwesenden Männern der Underdog war. Keiner boxte so grottenschlecht wie ich. Ich hatte das Kämpfen mit den Fäusten selbst als Kind nie lernen müssen. Mein Kampfmittel war, schon in jungen Jahren, bevorzugt meine große Klappe mit ihren bissigen Kommentaren. Aber genau das galt jetzt nicht mehr - und entsprechend kämpfte ich. Wenn auch vollkommen chancenlos.

In Runde zwei wurde der Kampf auf meinen Wunsch hin abgebrochen. Ich war einfach total platt und am Ende. Wie ging es mir danach mit dieser Erfahrung?

Großartig! Ich fühlte mich super! Sie fragen sich: wie das? Ganz einfach erst einmal deswegen, weil ich nicht gekniffen, sondern mich trotz aller Ängste, der Herausforderung gestellt hatte. Das machte mich definitiv stolz.

Und wie ging es mir in den Wochen danach? Fantastisch! Wirklich wahr! Diese drei Minuten zwar dilettantischen, aber echten Boxens, hatten mich in einen völlig anderen inneren Zustand katapultiert, der sich einfach nur gut angefühlt hat. Für viele Monate spürte ich in mir eine Kraft und eine Klarheit, die waren einfach unglaublich.

Für mich war das einmal mehr der Beweis dafür, wie ungeheuer machtvoll unser Körper als Instrument für Veränderungen ist. Und wie oft wir ihn mit seinem Potential leider unterschätzen.